Wildnis: Der Natur überlassene Gebiete helfen dem Wald.

Wald bedeckt fast zwei Drittel Bad Honnefs. Da liegt es nahe, dieses größte natürliche Kapital der Stadt zu pflegen und fit für nächste Generationen zu machen. Also wird in der Politik über die Einrichtung neuer Wildnisareale nachgedacht.   

Als Anfang der achtziger Jahre plötzlich massenhaft Bäume starben, da wurde „Saurer Regen“ schnell zum Sammelbegriff. Tatsächlich erschütterte die Gesamtheit von Schadstoffen, welche durch Regen aus der Luft gewaschen wurden und besonders in Höhenlagen per Winddrift die Organismen erreichten. Das Waldsterben rüttelte auf und machte sensibel, Schadstoffeintragungen auch in Wasser, Boden, Vieh. Nutzpflanzen waren großes Thema. Bürgerinitiativen und eine Umweltpartei entstanden, später entwickelte sich Nachhaltigkeit vom belächelten Jargonbegriff zum anerkannt grundlegenden Prinzip des Umgangs der Menschen mit ihrer Welt.

Die Förster kalkten ihre Böden und legten damit einen Verband auf die akuten Wunden. Die Tatsache jedoch, dass der Prozess des Sterbens nicht im Desaster endete und heute wieder einem frohen Blick in die Zukunft Platz macht, ist einem weiterblickenden und prinzipiellen Umbau des Waldes zu verdanken: Standortheimische Baumarten wie Buchen, Eichen und Eschen genossen wieder Priorität, durch zielgerichtetes Tun erhöhte sich insgesamt der Laubholzanteil. Während der Kalk für eine Erholung des Bodens sorgte, traten Monokulturen den Rückzug an und Mischwald geriet salonfähig.

Keineswegs ist dieser Prozess abgeschlossen. Wanderern, Erholungssuchenden und auch Jägern blieb der Wald zwar erhalten, doch sein Umbau dauert an. Es ist das stete Management des Wandels, das den Wald in Mitteleuropa rettete, und es will gut überlegt sein, was ihn wirklich nachhaltig sichert und entwickelt. Heute misst die Landesregierung NRW der Holzwirtschaft und dem Naturschutz ganz offiziell gleiche Augenhöhe bei, und das ist so nachvollziehbar wie logisch. Als zentrales Instrument wirkt die Einrichtung von Wildnisgebieten, die als Zonen der Naturerholung und der Steigerung der Artenvielfalt fungieren.

Im Siebengebirge ist bereits das größte Wildnisgebiet NRWs ausgewiesen. Der VVS stellte 530 Hektar zur Verfügung, der Staatswald des Landes weitere 270 mit nun geplanten neuen knapp 100 Hektar des Petersbergs. Mit der Familie Streve-Mülhens haben die Besitzer großer Flächen an der Wolkenburg ihre Teilnahme erklärt. Da erscheinen 130 Hektar aus dem Bad Honnefer Stadtwald nicht besonders viel, doch mit diesem Achtel des Stadtwaldes lassen sich äußerst sinnvolle Arrondierungen der gesamten Wildnisfläche realisieren. Ziel ist die Schaffung eines Kerngebiets von Walderholung und Entwicklung sowie eine effiziente Erhöhung des Artenspektrums.

Keinesfalls sind die Streichung auch nur einen Meter Weges oder die Einschränkung von Zugang und Nutzung des Waldes zur Erholung geplant. Der Bürgerentscheid aus 2009 gegen einen Nationalpark Siebengebirge verdient und erhält seinen ihm gebührenden Respekt. Gegenläufige Spekulationen und Vermutungen können Unmut schüren, entsprechen jedoch NICHT den Tatsachen. Eine Rückkehr des Nationalparks unter fadenscheiniger Tarnkappe kann es nicht geben – wer so etwas will, soll das auch offen sagen und die erneute Diskussion genau darüber suchen. Ein Versuch, hier zu polarisieren, wird und soll ins Leere laufen. Dialog Bad Honnef kann nicht die Wiederbelebung von Konfrontation bis hin zur Spaltung der Bürgerschaft sein.

Der ins Auge gefasste Bereich umfasst die Standorte alter Bäume zwischen 110 und 190 Jahren. Hier sind keine Maßnahmen z.B. des Umbaus in Laub- oder Mischwald nötig. Solche finden auch kein Verständnis, weshalb der VVS jüngst den Abteilungsleiter Dr. Woike  aus dem Umweltministeriums bat, diese zukünftig im bestehenden Wildnisgebiet zu unterbinden und dort den Wald tatsächlich und in Gänze sich selbst zu überlassen. Denn solcher Rückzug des Menschen aus der aktiven Gestalterrolle ist das Wesen dessen, was das Gesetz Wildnis nennt. Dann wäre frühestens nach zwanzig Jahren eine erste wirkliche Veränderung zu erkennen. In der Stadtkasse allerdings entstände sofort ein finanzielles Plus, denn die Ausgleichszahlungen des Landes überträfen den Ertrag von Holzwirtschaft aus besagter Fläche deutlich und wären über 20 Jahre (!)fest kalkulierbar.

Die Initiatoren des Wildnisgedankens versprechen, Ortstermine zu organisieren und das angedachte Gelände im Hartenbruch, aber auch die Anschauungsobjekte Broder Konsberg sowie die Naturwaldzelle Nonnenstromberg zu besuchen. Ausdrücklich bieten sie auch und gerade den Nationalparkskeptikern – ob sie nun Rauw, Merten oder Fuchs heißen – den Austausch von Gedanken und Argumenten an.

Johanna Högner – Burkhard Hoffmeister

Im Siebengebirgsbote erschienen am Mittwoch, den 08. Oktober 2014.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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