Wenn der vernachlässigte Aegidius seine Einsiedelei aufpeppt und der Rat „von“ Überversorgung redet

… und ewig grüßt das Schmelztal

Es beißt sich schon ein wenig, was Versorgung des Ortsteils und Präsenz in Aegidienberg angeht: Die Privaten legen sich sehr ins Zeug – die Stadt will oder kann es nicht.

Natürlich ist es die blanke Nächstenliebe, die Aldi und Lidl und Penny und Norma veranlassen, oben ordentliche Filialen zu betreiben.  Selbstverständlich ist es auch Zufall, dass Edeka oben den Vollsortimenter macht, dass hier das gute Fahrradgeschäft ist, der einzige ernsthafte Baumarkt und demnächst der große Drogeriemarkt.

Es ist sicher richtig und gut durchdacht, dass die Stadtverwaltung ihre Präsenz von einer Zweidrittelstelle auf eine halbe Stelle kürzt. Denn es spricht von realistischem Augenmaß,  das Verhältnis der oben und unten angesiedelten Verwaltung auf 1:300 festzuschreiben. Oder auf weiterführende Schulen gleich ganz zu verzichten. Hauptsache, der Bergfriedhof ist groß genug.

Es spricht von hoher kommunaler Marketingkompetenz, für Aegidienberg als favorisiertes Siedlungsgebiet von Neubürgern und Neubürgerinnen zu werben, wenn genau dort ein weiteres Stück verbliebener kommunaler Infrastruktur geschleift wird. Das überzeugt junge Familien bestimmt: Alle Schulkinder ab 10 Jahren müssen in Busse und über Land, Freizeit für die Jugend findet überwiegend woanders statt, Kultur im vom Bergvolk erkämpften und selbstverwalteten Bürgerhaus – oder gar nicht. Das hat Stil und drückt genau jene Wertschätzung aus, die TalpolitikerInnen Aegidienberg entgegenbringen. Zuletzt war ernsthaft die Rede von einer „Überversorgung“ der höhergelegenen Ortsteile – was Jede und Jeder nachvollziehen kann, die oder der schon mal vor den dünnen Plänen des Öffentlichen Personenverkehrs nach einer passenden Verbindung suchend gestanden hat.

„Überversorgung“?   Geht’s noch?

Soweit sie in der Hand der AegidienbergerInnen selbst lag, ist die Entwicklung des Stadtteils nicht ohne Konzept oder ohne Reiz:

  • Im VERKEHR werden zwei weitere, sorgfältig besprochene und geplante Kreisverkehre die Reihe schließen und die Leistungsfähigkeit der Straßen in Rottbitze (dann samt BAB-Anbindung) deutlich steigern.
  • Bei der GESTALTUNG EINES ORTSKERNS wurde die alles verhindernde heilige Kuh endlich geschlachtet: Der Aegidiusplatz darf grüner und schöner und attraktiver werden; seine Tage als Blech gewordene Parkplatzwüste sind gezählt. Der Bezirksausschuss weiß um die Gefahr einer Verschleppung der Baugenehmigungen am Platz – er passt auf und wird ggf. anschieben.
  • In der VERSORGUNG tat sich in den letzten zehn Jahren am meisten. Hier ist es an der Zeit, das Augenmerk von der – demnächst verkehrssicherer gestalteten – Meile Himberger/Rottbitzer wieder zu richten auf die Geschäfte und Gastronomien am Aegidiusplatz. Mit einigen Bäumen, zwei oder drei Restaurantterrassen, diversen Anlaufstellen und Läden, geschlossener Architektur sowie wiederentdeckter Ästhetik kann sich etwas Ansprechendes entwickeln.

Genau deshalb braucht Aegidienberg auch keine Fehlentscheidungen wie die, das Bürgerbüro zu kürzen.

Stadtplanung und Verwaltung haben sich bei der Entwicklung ihrer Berggemeinde nicht übermäßig mit Ruhm bekleckert. Seit sich die Stadt Bad Honnef und die Gemeinde Aegidienberg im Mai 1968 zusammentaten boomte zwar die Zahl der EinwohnerInnen, doch die der Schulen stagnierte bei einer einzigen Grundschule. Kinder müssen für Bildung halt reisen – das klingt zwar wie ein Anachronismus, ist aber Ergebnis wiederholt verpasster Beschlüsse und diverser Fehlentscheidungen.

Gewerbegebiete allerdings sucht die Stadt nur noch oben. Was vielleicht gar nicht wirklich falsch ist, aber gepaart mit den sonstigen Versäumnissen mehr als einen faden Beigeschmack folgert. Wer in 45 Jahren keine vernünftige Öffentliche Verkehrsanbindung schafft, der wird sich schon fragen lassen müssen, wie motiviert und entschlossen er agiert. Und die Kürzung der Öffnungszeiten des Bürgerbüros sind mehr als ein zarter Hinweis, denn:

„§ 8: Im Bereich des Stadtteils Aegidienberg wird eine Außenstelle der Verwaltung eingerichtet.“

Gebietsänderungsvertrag, 27.05.1968, Seite 3

War das Bürgerbüro mit seiner ganzen bescheidenen Wirklichkeit als „Außenstelle der Verwaltung“ schon wohlwollend charakterisiert, so ist dessen Kürzung auf anderthalb Öffnungstage alles auf einmal: provozierend, frech, abgehoben, unangemessen. Deshalb war es auch kein Wunder, dass die anwesenden Spitzen der Verwaltung den oben zitierten und sie bindenden Vertrag nicht mal mehr kannten.

Nun wollen sie das Büro beobachten. Das weitgehend geschlossene Büro beobachten. Was wird wohl das Ergebnis sein? Dass Niemand hingeht, wenn es zu ist? Dass niemand von den Nicht-Hingehenden für das Rathaus im Tal erkennbar unzufrieden scheint? Dass die 25 km hin und zurück oft unfallfrei bewältigt wurden? Mensch kann schon drauf gespannt sein, wie sie es drehen, einen Erfolg ihrer Maßnahme zu formulieren.

Weil die Meinung der AegidienbergerInnen hier so viel wichtiger ist als die der Erlassschreiber, darum werden wir helfen bei der Befragung der Betroffenen. Nicht wir allein, sondern mit anderen in der Kommunalpolitik Engagierten. Wir werden uns treffen und einen geeigneten Weg suchen. Die Meinungsbildung wird dann bei Ihnen sein.

Veröffentlicht am 20.02.2013 im Siebengebirgsboten. 

 

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