NATURSCHUTZ in und um Aegidienberg – Stolpern, Stutzen, Staunen, Streiten

Die Grünen waren im Wald.

Wer ernsthaft über Aegidienberg, seine Position in der Stadt, seine Möglichkeiten und Chancen nachdenkt, kommt um das Thema Natur nicht herum: Wo auch immer Du Deine Wanderung beginnst – nach 200 Metern bist Du mittendrin! Natur ist hier fast überall. Und meistens stehst Du im Wald. Also sind wir hineingegangen in den Wald. Haben ihn uns zeigen lassen; von Förstern – gleich im Doppelpack; Regen zum Absaufen inklusive. Trotzdem sind alle wieder herausgekommen. Dann ein Jägerschnitzel im Wirtshaus Himberg. Mensch geht nach Hause und rekapituliert: Was habe ich mitgenommen?

Es sind die großen Einsichten und die kleinen Eindrücke zugleich. Ein sinnvolles Waldkonzept wird die Gemeinde nur beschließen, wenn die KommunalpolitikerInnen zuhören und ihre jeweiligen Programme vergleichen mit dem, was wichtig ist für den Wald.

Jede und jeder hat da so seine Vorstellungen. Oder kennen Sie ein vergleichbares Verhältnis zu eben jenem, welches die Deutschen zum Wald pflegen? Sie betreten ihn und denken seufzend: „Ist er nicht wunderbar, UNSER Wald!“ – Nix da „unser Wald“. Nur die Wenigsten sind Waldbesitzer, nur der wenigste Wald gehört der Öffentlichen Hand und damit „uns“ – ein irrationales Verhältnis, aber weit verbreitet. Die Deutschen finden den Wald beeindruckend schön, sind stolz drauf…. Und so wurde es „unser“ Wald.

Schon lange drehen sich die Paradigmen. Für keine Siedlung muss mehr Wald gerodet, kein Acker der wilden Natur abgerungen werden. Auch die Räuber sind dort nicht mehr unterwegs. Aber wir. Erholung, Wohlfühlen, Ausgleich und vieles mehr bietet der Wald, den der deutsche Mensch als Sinnbild intakter Natur begreift. Es war längst, wirklich längst überfällig, was die Grünen als waldpolitische Revolution in den Koalitionsvertrag schreiben durften (und was im Naturpark Siebengebirge schon lange gilt UND funktioniert):

Forstwirtschaft und Naturschutz sind gleich wichtig.

Beide Aufgaben begegnen sich auf Augenhöhe.

Es sind nicht zuletzt Forstleute, die das schon lange wissen und uns beibrachten. Der Honnefer Stadtförster rodet schon lange nicht mehr ganze Parzellen, um dann Mini-Fichten in Reih und Glied zu setzen. Heute befreit er systematisch die besten Bäume von umstehenden Konkurrenten, stellt sie frei und sorgt für optimales Licht in der Krone. Denn die Krone ist die Fabrik des Baumes. Dort entscheidet sich (auch) das Holzwachstum am Stamm. Nachhaltigkeit bedeutet ebenso hier den Wechsel von der Masse zur Qualität.

So erledigen Förster neben der Nutzfunktion die Schutz- sowie die Erholungsfunktion gleich mit. Sie nennen das „Kielwassertheorie“, und der Begriff trifft es voll. Zumal noch ein weiterer Paralleleffekt Segen verbreitet: Wer seine Flächen ganzheitlich bewirtschaftet und die „Baumschulen“ unserer Eltern durch nachhaltige Konzepte ersetzt, der erkennt auch Fehler schneller. Mal wachsen neue Bäumchen an einer Strecke, wo sie in 15 Jahren das erntende Forstfahrzeug behindern; mal säumen sie im Spalier als vermeintliche Wegranddekoration, um später wie eine Hecke Zugang zu verhindern. Also korrigiert der schlaue Waldmann bereits heute und folgt dem 2600 Jahre alten Spruch Laotses: Du sollst Probleme lösen, solange die Probleme noch klein sind.

Dann wieder ein Baum, an den der Förster nicht Hand anlegt. Der Baum hat eine Höhle. Die hat der Specht gemacht. Doch der Specht ist ein Sponti und wechselt alle paar Jahre sein Quartier, ohne dass wir wüssten, warum es ihm im selbsterbauten Eigenheim nicht mehr gefällt. Dann kommen die Nachmieter, und so gibt es im Siebengebirge Hohltauben, Fledermäuse und Siebenschläfer, die es aus eigener Kraft nicht zur Höhle gebracht hätten.

Warum aber ziehen die Städtebauer des Waldes manchmal um? Ein Riesenhügel der Roten Waldameisen – frisch verlassen. 30 Meter weiter das gleiche Ding im Bau, auf den ersten Blick eine rein therapeutische Maßnahme der Königin. Oder eine Laune?…. Der Förster sagt, es komme auf ein sehr komplexes Zusammenspiel von Licht und Wärme an; und da reicht manchmal schon ein etwas besserer Windschutz, die Völker zum konsequenten Umzug zu bewegen.

 Orchideen gibt es nur bei Fleurop. Oder bei OBI.

Falsch. Es gibt sie auch im Siebengebirge: mindestens 9, wenn nicht sogar 10 verschiedene Arten. Mit ulkigen Namen jederlei Geschlechts. Das einfache Knabenkraut sieht gar nicht einfach und schlicht aus, das echte Knabenkraut nicht echter. Das gefleckte Knabenkraut weiß, warum es so heißt, doch das Manns-Knabenkraut neigt schon im Namen zur gespaltenen Persönlichkeit. Die Pestwurz sieht gar nicht schlimm aus; die Bienen-Ragwurz vermittelt den Eindruck, als rage das Hinterteil einer Honigproduzentin aus der Blüte. Das schwertblättrige Waldvögelein macht vergleichsweise wenig her; das blühende Zweiblatt dito. Die Vogelnestwurz ist ein weiterer Verkleidungskünstler. Dann gibt es da noch einige Exemplare des Frauenschuhs oberhalb des Honnefer Sportplatzes, doch die seien eher Gartenabfälle – meinen die Förster.

Die meisten Orchideen sind Lippenblütler. Das heißt, sie tragen eine Art Sack am unteren Teil der Blüte. Da muss die Biene rein, denn sonst klappt’s nicht mit dem Nektar. Denkt die Biene. Das nutzt die Orchidee, macht mittels Sack den Zugang schwierig und garantiert so die sichere Bestäubung. Tatsächlich ist die Orchidee, wie vieles Schöne dieser Welt, ein Parasit: Sie lockt mit Farben und Formen, bietet der Biene aber eben nicht den erwarteten Nektar und bleibt der alleinige Profiteur der Aktion. Von der überwältigenden Logik her ein fast rheinischer Wesenszug.

Wir verraten nicht, wo die Orchideen stehen. Suchen Sie doch selbst nach den Kalkmagerwiesen, die stets feucht und doch nährstoffarm ein struppiges Gras nah an der Binse hervorbringen. Das schmeckt nicht mal dem Vieh, und deshalb macht es Mühe, denjenigen Bauern zu finden, der das dröge Zeug noch heute als Einstreu in seinen Ställen nutzt. Denn nur der macht sich die Mühe und mäht hier ein- bis zweimal im Jahr. Und ohne Entbuschung würden diese Biotope ganz schnell zuwuchern.

Drumherum im steten Wechsel Laubholzstreifen, Fichtenstreifen, Laubholzstreifen, Fichtenstreifen. So, wie die Bauern sie brauchten; mal als Brennholz, mal zum Ertrag. Wir hätten das gar nicht erkannt ohne die Förster, und noch viel weniger hätten wir verstanden, was die Stechpalme (ein Busch namens Ilex Aquifolium) bedeutet: Hier, genau hier im Siebengebirge sagt uns Ilex als subatlantischer Klimaanzeiger, dass wir auf der Grenze zum Kontinentalklima leben. (puh!)

ein Gugelhupf mitten im Wald

Zuletzt mitten im sowieso schon gipfelreichen Siebengebirge ein völlig klar definierter kleiner, aber ausgeprägter Kegel. Der heißt Broder Konsberg – suchen Sie ihn mal, unbedingt! Er fasziniert und doziert ohne Worte: Ich bin vulkanischen Ursprungs. Ein Baby, aber 26 Millionen Jahre alt.

Dieser Broder Konsberg öffnet die Tür zu einem weiteren Beitrag im Siebengebirgsboten. Mit seinem gesamten Umfeld kleiner als 6 Hektar trägt er hohen, alten Buchenwald. Den DARF mensch nicht holzen – nicht einen einzigen Baum! Wie andere Bereiche auch, ist er wie geschaffen, sich selbst überlassen zu bleiben. Schauen Sie ihn und andere Kleinode an, und Sie werden ähnlich denken.

Zum Abschluss nicht Laotse, sondern eine alte grüne Weisheit: Der Mensch kann nicht ohne die Natur, doch die Natur kann sehr gut ohne den Menschen sein. Dann doch lieber Obacht geben!

Veröffentlicht im Siebengebirgsboten am 19. September 2012.

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